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Dienstag, November 14, 2017

Sexuelle Belästigungen (das Taiwanblog gibt auch...)

... seinen Senf dazu.

Sexuelle Belästigungen und Schlimmeres sind das große Thema der Zeit. Natürlich erscheint die massive Beschäftigung der Presse damit exzessiv und natürlich kann man von Vorverurteilung reden - wenn Karrieren allein durch die Macht von Facebook und Co beendet werden. Ohne Anklage, Gericht und Urteil.
Wie es weiter geht weiß ich auch nicht. Zwischenzeitlich halte ich eine weitere Aufhitzung der Diskussion für denkbar. Ich dachte zwischendurch "jetzt rasten alle aus und übertreiben" und mag das auch noch kommen oder schon so sein, so fiel mir jedoch auf, dass sexuelle Übergriffe offensichtlich sehr viel häufiger sind, als ich bislang so angenommen habe. Auch weil Sexualität eben immer noch ein Tabuthema ist und auf gewisse Art wohl auch immer bleiben wird und man daher nicht immer drüber nachdenkt.

Selbst sind mir als Zuhörer, an der Aufklärung beteiligter oder sogar als Opfer (im Kindesalter) sexuelle Übergriffe in der Tat hinreichend häufig begegnet. Häufiger als es sein sollte und daher denke ich, dass am Ende der gegenwärtigen Aufregung ein anständigerer Umgang von Menschen (Männern) in irgendwelchen Machtpositionen gegenüber Schwächeren oder irgendwie Abhängigen stehen wird.

Meine persönlichen Erfahrungen:

1) In meiner Zeit in einer Dot-Com - Softwarebude in Deutschland war ich in der heftigen Umstrukturierphase ein Ansprechpartner für Kolleginnen und Kollegen. Eine Kollegin erklärte ein Kollege (meine Wertung: etwas weltfremder, netter Computernerd, hielt Frauen vermutlich für Wesen von Omega Centauri) würde sie immer unangemessen Anstarren und auch immer wieder an unangenehmer Stelle antatschen. Da sie ihm zuarbeiten musste bat sie mich das Problem vielleicht in den Griff zu kriegen. Ich löste es durch ein Gespräch von "Mann zu Mann" bei dem der Beschuldigte alles zunächst schroff zurück wies, nach meinem rhetorisch ausgefeilten Nebensatz sonst mal kurz mit einem "hohen Tier" im Unternehmen zu reden (mit dem er zusammenarbeitete) räumte er jedoch die Vorwürfe halbwegs ein und gelobte Besserung. Die auch eintrat. Hätte ich wirklich mit dem "hohen Tier" reden müssen - ich glaube nicht, dass das viel gebracht hätte. So ließ es sich durch Psychologie lösen. Alles war noch unter strafbarem Niveau.

2) Selbe Firma. Kollegin bat mich und andere Kollegen auch um Hilfe. Kurzfassung: Sie hatte eine beginnende Affaire mit ihrem Chef, diese jedoch abgebrochen wie es ihr gutes Recht gewesen ist. Daraufhin würde ihr Chef (sehr einflussreich im Unternehmen und ein bekannter Provokateur und extrem schwieriger Kollege) ihr massive berufliche Probleme machen. Sie als vorgeblich inkompetent vor der Geschäftsführung anschwärzen und ihr mit Kündigung drohen.
Ich bat den Kollegen zum persönlichen Gespräch, doch konnte ich gegen einen so im täglichen Mobbing gewieften Menschen nicht angekommen - der auch noch im Bunde mit einem Mitglied der Geschäftsführung war. Der Kollege beschwerte sich bei mir, es sei ein Unding gewesen, dass die Kollegin ihn sexuell zurückgewiesen habe nach vorher eindeutigen Signalen. Er lies sich bei allen Verweisen auf sexuelle Selbstbestimmung gerade von abhängig Angestellten nicht davon abbringen und führte sein Mobbing weiter. Erst mit seinem Weggang löste sich die Situation. Später kam er zurück ins Unternehmen, aber da waren sein Opfer und selbst ich schon weg. Er war ein ganz und gar unangenehmer Mensch der bizarrerweise zu hysterischen Reaktionen beim Anblick einer ... Tomate ... tendierte.

3) Meine Frau beschwert sich immer mal wieder, sie würde in Taipei von Herren im Vorbeigehen angegrabscht. In der Menge will sie den Täter nicht identifizieren und es wäre auch schwierig. Oder es passiert, wenn ich eh gerade nicht da bin.

4) Auch in Deutschland ist so etwas offenbar für Frauen zwar kein Alltag, aber kommt immer mal wieder vor, wie ich jetzt im persönlichen Kontakt erfahren haben.

5) Und zu guter Letzt:  Als Kleinkind(!) bin ich selbst von einem angesifften stadtstreicherhaften älteren Mann auf einem Spielplatz angetascht worden. Ich hatte unaufgeklärt damals keine Ahnung was eigentlich vor sich ging und bin einfach weggegangen. Die messerscharfe Erinnerung daran, die erst 15 Jahre später oder so gepaart mit großer Wut auftauchte zeigt, wie psychologisch relevant solche Belästigungen sind.

Ein unerquickliches Thema und wenn es tatsächlich noch einen der wenig gewordenen Blogkommentare diesmal zu diesem Thema gibt versteht sich sicher angemessene Wortwahl von selbst - um nicht von der Kommentarfee durch Löschung belästigt zu werden.

Die Presse fordert Männer pauschal immer wieder dazu auf ihr Verhalten "einzugestehen" und zu ändern. Nun mag unser Herz grundsätzlich ein finsteres Loch sein, aber etwas weniger Pauschalität wäre doch wünschenswert.
Sexismus sei auch schon, wenn man Damen beim Heben schwerer Taschen hilft etc habe ich neulich gelesen. Im überkorrekten Spiegel (Online) war das wohl. Nun, in dieser Hinsicht muss ich zugeben, mich bei jedem zweiten bis dritten Aufenthalt in Flugzeugen sexistisch betätigt zu haben. Die so von physikalischer Arbeit befreite Damenwelt möge es mir nachsehen.

EDIT: Den schlimmsten Fall habe ich vergessen. In meiner Kindheit war unten im Haus eine Familie mit einer wunderschönen blonden kleinen Tochter und einem für mich damals exotischen holländischen Namen. Ich habe die Gleichaltrige nie zu Gesicht bekommen, weil sie immer kreischend verschwand, sowie jemand in ihre Nähe kam. Jahrzehnte später hörte ich, dass sie magersüchtig ist und vom Vater missbraucht worden war. Natürlich ein Fall der über die aktuelle Pressediskussion weit hinaus geht.

1 Kommentar:

"Ludigel" hat gesagt…

Schminken sei vielleicht auch Sexismus, stellen SPON und Bento jetzt zur Diskussion. Von mir aus. Nur bitte: Waschen ist kein Sexismus, auf dieses Axiom sollten wir uns einigen, bevor es weiter geht mit der Diskussion.