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Donnerstag, August 07, 2014

6%

Man zahlt wenig Steuern in Taiwan. Aber hat auch weniger Kontrolle von staatlicher Seite

Die Tage ist in Kaohsiung (man schreibt das immer grundsätzlich falsch) im Süden Taiwans ein ganzer Straßenzug in die Luft geflogen, 26 Tote (oder 24 laut dem SPON-Artikel: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/explosion-in-taiwan-dutzende-tote-nach-detonationen-in-kaohsiung-a-983974.html). Auslöser war ausgetretenes Gas, aber kein Gas aus Leitungen, die zur Haushaltsversorgung gedacht sind, sondern Gas aus industriellen Pipelines, die mitten durch die Wohngebiete führen - Stücker 3 gibt es da. Nach bisherigen Erkenntnissen hat man von Fabrik A Gas zu Fabrik B liefern wollen, es kam bei B aber nie an und später bemerkten Anwohner penetranten Gasgeruch. Die Fabrik selbst hat wohl nichts unternommen, aber die Feuerwehr schickte dann Löschzüge, die Wasser in die Kanalisation leiteten, bis die riesige Explosion kam. Im Jahre 1997 ist das schon mal passiert.
In Taiwan werden Bebauungspläne, die zwischen Handels-, Industrie- und Wohngebieten unterscheiden nicht aufgestellt oder nicht beachtet, man hat auch schnell mal eine Wellblechfabrik neben dem Häuschen auf dem Lande, die dann giftigen Müll neben dem eigenen Grundstück verbrennt, so wie es mir mit meinem eigenen Häuschen in Taiwan ergangen ist. Bei 6% Steuern für die meisten (jetzt möglicherweise auf 5% bzw. 10% für wenige geändert) kümmert sich die Stadt halt nicht so.
War die Katastrophe in Kaohsiung vorhersehbar? 


Auf der Ferieninsel Penghu ist an einem Tag, an dem weite Teile Taiwans wegen eines Taifuns arbeitsfrei hatten, ein Flugzeug (das Touristen am Taifunfreitag zur Ferieninsel bringen wollte) in den Taifun geraten und zerschellt, 48 Tote (http://www.bloomberg.com/news/2014-07-23/taiwan-s-transasia-air-crashes-unkown-fatalities.html). Vorhersehbar, dass ein Flieger, der am Taifuntag um den Taifun herum fliegt in den selbigen geraten kann, wenn andere Fluglinien die Insel lieber nicht anfliegen - wegen dem Ding namens Taifun?


Am Wochenende war ich im sehr schönen Freizeitpark namens "Window on China", ein eigentlich recht unsinniger Name, der chinesische "shao ren guo" (kleine-Menschen-Land) ist viel besser, geht es doch um eine Miniaturlandschaft mit winzigem Präsidentenpalast etc. Da war in der Wildwasserbahn Juniors Hose nass geworden und ein von Mutter angetriebener Ludigel rannte hektisch auf den Ausgang zu, um aus dem Auto eine neue trockene Hose zu holen. Ich folgte den EXIT-Schildern und landete wieder an dem Bahnhof der Kinderbahn, mit den wir in den Rummelplatzteil des Parks gefahren waren. Keine Exit-Schilder mehr. Wo ging es raus? Frau war hektisch am Telefon. Ich lief in der Richtung, aus der die Bahn gekommen war, stieg über "No Entry" - Schilder und stand schließlich vor riesigen verschlossenen Metalltoren. Genervt fand ich mich nach langem Herumsuchen wieder am Bahnsteig der Kinderbahn ein und wurde darauf hingewiesen, dass der einzige Exit aus dem Park die selbst an diesem Montagnachmittag schon fast überfüllte Kinderbahn war.


Doch was wenn ein Notfall passieren würde? Feuer? Gasexplosion oder was auch immer? Mein typisch teutsch-ordentlicher Verstand analysierte sofort, dass dann die Leute genau so rennen wie ich gelaufen bin, den EXIT-Schildern nach und dann an den riesigen Metalltoren stranden, wo sie sich aufstauen mit Kind und Kegel.
Wenn da jemals was passiert, ist es natürlich unvorhersehbar, schließlich weiß ja niemand, dass man Notausgänge braucht und Besucher nicht hermetisch einschließen sollte. Kann man nicht verlangen, dass die Betreiber sowas wissen oder eine zuständige Behörde sich um Sicherheit Gedanken macht.
Ist nämlich typisch deutsche Denkweise, dieses Sicherheitsdenken und führt in Taiwan nur zu Frust. Also soll man sich über die 6% Steuern freuen.
Pipelines mit industriellem Explosivgas nicht in Wohngebieten, nicht Leute im Taifun zur Ferieninsel ins Taifungebiet fliegen, Notausgänge oder überhaupt einen Ausgang statt der Kinderbahn in Freizeitparks*** bauen, alles Rocket Science.


Aber in Mitteleuropa passiert auch genug, schon wahr, vgl. etwa die krass dämlich organisierte Love-Parade - und das trotz 49% Steuern oder wie viel ich zuletzt bezahlt habe. Soooooo schlecht ist das mit den 5% oder 6% also gar nicht. Und damit genug Ausländermeckerei.


*** Der Miniaturteil des Parks hat einen Ausgang, der Rumelpatzteil aber nur eine Kinderbahn als einige Ausgangsmöglichkeit. Die schmale Gleistrasse ist fast zugewachsen und entsprechend eng.

EDIT: Sehr ähnlicher Artikel im Nachbarblog, mit differenzierterer Analyse - ich hatte ihn vorher nicht gelesen: http://luo2you1.blogspot.tw/2014/08/risiko.html

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Naseweise Herabwürdigung einer fremden Kultur, in der die Dinge eben anders sind!

"Ludigel" hat gesagt…

Ah, gerade gesehen und freigeschaltet, auch wenn es nach Stunk-comment klingt. Aber schon eine erlaubte Meinung, wenn bitte andere beim höflichen Umgangston bleiben. Die Dinge sind in der Tat anders, sicherheitsrelevant anders und ich reflektiere über das für und wieder. Und auch weil trotz politischer Korrektheit eben das Nachdenken über Katastrophen einsetzt und die Sicherheit von Junior und Frau und die eigene. Soll man sich solche Gedanken machen? Ich denke, das sollte schon erlaubt sein ;-)

Xinxi hat gesagt…

Das hat nix mit "fremder Kultur" zu tun. Nach dem Tod von Chiang Ching-Kuo, dem recht fähigen Sohn des Diktators Chiang Kai-Shek, hat die Regierung in Taipei teilweise die Kontrolle über Teile der Insel verloren. Scheint - siehe Euro-Ostblock - oft so zu sein, wenn ein strenges Militärregime durch demokratische Strukturen abgelöst wird.
Und in den wilden 1990ern haben sich Unternehmen nicht wirklich viel um tatsächlich existierende Vorschriften gekümmert. Besonders im Süden Taiwans.

"Ludigel" hat gesagt…

Interessanter Punkt...

Anonym hat gesagt…

So bewegen uns eben in unterschiedlichen Hemisphären die gleichen Dinge. Das mit den Steuern finde ich interessant. Wie sieht das denn mit der Zinsabschlagssteuer aus? Die soll doch ähnlich hoch sein wie in D., oder?
Gruß von Luo You

"Ludigel" hat gesagt…

Det macht alles Gattin und die hat sich die Finanzhoheit erstritten. Ich stelle keine Fragen ;-)