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Montag, Mai 31, 2010

Dong Fongs großes Abenteuer

Am Samstag bei uns auf dem Lande. Handwerker Dong wirft seine Werkzeugkiste hinten auf die Ladefläche des kleinen blauen Pritschenwagens und steigt in die Fahrerkabine, während sein Sohn hinten auf die Ladefläche klettert. Dong lässt den Motor aufheulen, eine blaue Abgasfahne weht in die Monteuersgarage, die der Familie gleichzeitig als Allzweckaufenthaltsraum dient. Frau Fong hört, wie ihr Mann krachend den Rückwärtsgang einlegt und sieht wie sich der alte Lieferwagen mit aufjaulendem Motor langsam Richtung Tor rückwärts in Bewegung setzt, während sich Sohn Aaron vorsorglich an der Ladefläche fest krallt.



Etwa gleichzeitig Fährt Chang Lee mit seinem Mitsubishi Kleinbus die selbe Landstraße in Jhongli herunter, an der Dongs Haus und Werkstatt liegt. Hinten drin sitzen drei Arbeiter, die noch heute Nachmittag ein paar Dörfer weiter etwas montieren müssen. Chang drückt aufs Gas, es ist schon spät und hier ist immerhin 60. Die Tachonadel schnellt auf 90, während der Transporter auf der linken Spur der vierspurigen Landstraße durch das Dorf hetzt.

LKW-Fahrer Sherretin Chen dreht die Mucke auf. Der neuste Mandopop einer Girlieband dröhnt aus den Lautsprechern des neuen Volvo-Lastwagens und Cheng stellt seinen braunen, in blauen Strandlatschen steckenden Fuß tiefer aufs Gas, geniest die Vibrationen des kräftigen V8-Motors und wippt im Takt. Rhythmisch kaut er auf der Betelnuss, die in seinem Mund ihren schwer-süßlichen betäubenden Geschmack entfacht. Alles easy, alles cool, den Termin schafft er schon. Da, wieder einer dieser nervigen PKWs, die hinter einem aufblinken. Cheng zieht mit seinem Lastzug auf die rechte Spur, ist guter Laune heute. Soll der kleine silberne Nissan ruhig vorbei rasen. Mit Tacho 70 zieht der Lastzug auf die Rechte, der große mit EVERGREEN beschriftete große Anhänger, der die neusten Produktionsmaschinen aus Deutschland für eine nahe gelegene Getränkemaschinenfabrik enthält, folgt der Zugmaschine souverän und sicher im Spurwechsel. Sherretin hat sein Fahrhandwerk gelernt. Die goldenen Götterfiguren an Sherretins Innenspiegel klappern hell aneinander.



Chang gibt mit seinem Kleinbus noch etwas Gas, die Strecke ist frei. Der große Lastzug und der silberne PKW, die ihm entgegen kommen sind kein Thema, Chang hat zwei Spuren für sich. Hübsch reflektiert sich das grelle Sonnenlicht in der Götterfigur und den goldfarbenen Kordeln und Glasperlen an Changs Innenspiegel. "Habt ihr auch alles Werkzeug mit?", fragt Chang nach hinten in den Wagen rein. Schließlich müssen die Monteuere die neuen Getränkemaschinen hinten drin noch heute installieren. "Alles klar, Laoban (Chef)", grölt es von hinten.

Dong tritt etwas mehr aufs Gas. Der alte blaue Ford-Kleintransporter hat wieder seinen Totpunkt beim Gasannehmen. "Vielleicht hat mein Sohn doch recht und ich sollte die Kiste wenigstens jedes Jahr mal zur Inspektion bringen", denkt sich Dong. Da endlich, jetzt zieht der Motor. Rasselnd bringt der alte Ford die Kraft auf die Straße und mit pfeifenden Reifen setzt sich der Wagen in Bewegung, rückwärts auf die rechte Spur aus der Hauseinfahrt hinaus, die Rechte ist ja eh immer frei, denkt Dong noch...

Gerade als Dong den ersten Gang einlegen will, hört er seinen Sohn von hinten schreien. Dann ein durchdringendes Heulen. "Seit wann gibt es denn hier Nebelhörner?", denkt Fong. Dann der Aufprall, Dongs kleiner blauer Truck fliegt nach vorne links beschleunigt Richtung Gegenverkehr. Dongs Sohn verliert die Balance und fällt nach hinten über, schlägt auf dem Kühler des großen Lastwagens auf. Dong klammert sich wie ein Pilot, der über seine Maschine die Kontrolle verloren hat an das Steuer, den Blick stier geradeaus. Er sieht noch einen schwarzen Lieferwagen, der ausweichen will, dem Dong aber hinten in die Seite fliegt.

Chang glaubt es nicht. Da kommt ein kleiner blauer Lieferwagen wie in Zeitlupe angeflogen. Fast will er lachen, doch dann reißt er doch lieber das Steuer nach rechts, nichts wie weg auf die freie rechte Spur. Dann ein Aufprall, alles dreht sich, hinten schreien die Arbeiter zwischen den fliegenden Getränkemaschinen und Werkzeugkisten, als die Flanke des Mitsubishi zermalmt wird. Der Lieferwagen trudelt durch den Verkehr, kollidiert mit dem grünen Anhänger des jetzt quer stehenden Lastzuges. Das letzte was Chang sieht, sind die Buchstaben E-V-E-R auf der grünen Fläche, die wie eine Mauer vor dem Lieferwagen steht.

Der blaue Lieferwagen kommt an einem Laternenpfeiler zum stehen, der sich in die Fahrerkabine bohrt.

Irgendwie so muss es gewesen sein am Samstag, auf der Strecke, auf der ich sonst oft am Wochenende Essen holen fahre aus einem kleinen Restaurant im nahe gelegenen SinWu. Ich habe nur die Bilder im Fernsehen gesehen. Mehrere Todesopfer, ein zermalmter blauer Lieferwagen am Laternenpfahl, ein dunkler Kleinbus hinten mit zermalmtem Lieferabteil, ein quer stehender EVERGREEN Lastzug. Irgendwie so oder anders. Der tägliche Wahnsinn auf den Dorfstraßen.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Dr. Z says:

Mann, ich habe Tränen gelacht. Wie kommst Du nur auf sowas. LOL.

... Ups... äh.... tja... gut...