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Dienstag, März 02, 2010

Göttergatte, Schwiegermama und Ehefrau


Über den Dächern von Taipei...

Taiwan ist ein Land zwischen Moderne, geprägt durch Toyotas und MP3-Player neben Laptops und Miniröcken für die Damen, sowie der traditionell chinesischen Kultur, schließlich ist das heutige Taiwan durch die Flucht der Regierung der Republik China vom Festland im Jahre 1949 entstanden. Die Geschichte, die sich bei der vor mir sitzenden Kollegin zutrug, ist auch ein typisches Beispiel, wie sich traditionelle Rollen, hier insbesondere die traditionelle Rolle der Frau in ihrer "neuen Familie", in die sie eingeheiratet hat und die traditionelle Rolle der Kinder in der chinesischen Gesellschaft (wenn auch hier auf Taiwan) an der Moderne und ihren neuen Rollenbildern reiben.


streiten Konfuzius und High-Tech inmitten von Beton und Wellblech...

Lange Rede kurzer Sinn, die Kollegin reichte die Kündigung ein, erklärte nach dem chinesischen Neujahrsfest nicht mehr bei unserer Computerfirma im technischen Großkunden-Support arbeiten zu können, weil ihr Mann nach Singapur versetzt wurde. Ungern würde sie das wunderschöne Taipei gegen das überfüllte und hektische Singapur mit seinem -noch schlimmeren- Verkehrschaos eintauschen, aber es müsse ja nun mal sein. Sie kündigte also und plante mit ihrem Mann, nennen wir ihn einmal Adam Fong (und sie Eva Fong), den Umzug in eine neue Wohnung und in ein neues Leben in den Stadtstaat Singapur auf dem asiatischen Festland. Doch bis Singapur ist sie nie gekommen. Denn als sie mit ihrem Mann beim Planen des Umzugs war, erlitt ihre Schwiegermutter einen Herzinfarkt, überstand dieses jedoch und war ab sofort etwas pflegebedürftig. Schnell entschied der Familienrat aus Adam Fong und seinen drei Geschwistern, was zu tun war. Alle seine drei Geschwister seien berufstätig und er selbst natürlich auch, erklärte er seiner Frau. Weil aber sie gerade ihren Job gekündigt habe, habe sie ja hinreichend freie Zeit um ihre Schwiegermutter zu pflegen. Es war also beschlossene Sache, alle Proteste von Eva halfen nichts. Adam Fong zog allein in die neue Wohnung nach Singapur und lebte dort herrlich und in Freuden, während seine Frau Eva zu ihrer Schwiegermutter nach Südtaiwan zog um sie zu pflegen. Selten habe ich erlebt, dass sich das moderne Taiwan mit seinen selbstbewussten und wie in diesem Fall oft in der Computerindustrie arbeitenden jungen Frauen so sehr in Konflikt befindet mit dem traditionellen Taiwan, was eigentlich das traditionelle China ist. Alles schien wie in einem Film, aus der jungen Ingenieurin, die eben noch industrielle Großkunden aus Übersee bei gewichtigen technischen Problemen beriet war binnen kürzester Zeit eine Dienstmagd geworden! Sie klagte meiner Frau ihr Leid: Schwiegermama lebt auf einem Hügel im Süden, ganz weit draußen auf dem Land. Da gibt es zwar Telefon, aber kein Kabelfernsehen und kein Internet! Mitten aus der High-Tech-Industrie Taiwans war die junge Frau in einen Albtraum des alten Chinas geworfen worden, abgestellt vom Familienrat zur Pflege einer zürnenden Schwiegermutter, die alles auf sie nieder gekommene Ungemach der Welt an der Schwiegertochter ablassen konnte. Putz hier, putz da, da gleich noch einmal und dann bring noch den Müll raus. Und wie der Kohl wieder schmeckt, den du da gekocht hast, igitt, wie hat mein Sohn das nur ausgehalten. So ähnlich muss es geklungen haben und ohne die 50 Kabelsender und ohne Internet waren kleine Fluchten aus dem Alltag nicht möglich. Auch war kein Dorf und keine Stadt in der Nähe, nur Schwiegermama und die verlassene Hügel.


... und alles nur durch ein bisschen Glas getrennt im Nachbarcubical.

Schnell war zum Göttergatten telefoniert, doch der blieb unnachgiebig. Sie habe nun mal Zeit und alle anderen seien berufstätig, also müsse sie den Pflegejob machen. "Chinesische Familiendisziplin" hat das das Buch "Kulturschock China/Taiwan" genannt.

Wer würde gewinnen? Das moderne Taiwan verkörpert durch die junge High-Tech-Angestellte oder das konfuzianische Familienprinzip, nach dem die pflegebedürftige alte Frau weit über ihrer Schwiegertochter stand und ihre Instruktionen zu befolgen waren. Auch der Göttergatte war, so die Theorie, seiner Frau gegenüber ja befehlsberechtigt. Eva suchte nun Kompromisse. Kann Schwiegermama nicht nach Taipei ziehen, in die volle und laute Hauptstadt voller Geschäfte und Elektronik? Nein, will sie nicht. Näher an das nächste Dorf? Nein, will sie nicht. Und übrigens, die Einfahrt muss noch gefegt werden und dann machst du noch die Betten. Können die anderen drei Kinder der Schwiegermama nicht auch mal helfen? Nein, geht nicht, keine Zeit.

Die Moderne hat gewonnen. Eva packte ihre Sachen, hat heute wieder in meiner Firma angefangen. Und der Gatte Adam? Packt seine Sachen und zieht zurück nach Taiwan zu seiner Frau. Die anderen drei Kinder der Schwiegermama? Losen aus, wer wann dran ist, ihr Familienoberhaupt auf dem einsamen Gipfel zu pflegen.

Ich hatte auf das Ergebnis gehofft. Schießlich habe ich schon oft gesehen, wie sie nach einiger Zeit ärgerlich wurde, wenn irgendein hochnäsiger männlicher Kollege Eva geärgert hat...
High-Tech gegen Konfuzius 1:0. Oder vielleicht auch unentschieden, schließlich wird Schwiegermama jetzt ja von allen vier Kindern gepflegt.

1 Kommentar:

"Ludigel" hat gesagt…

Madre de Dios, jetzt klinge ich wie einer dieser alten Expat-Fossilien, die im Feinrippunterhemd um ihre Häuser auf dem Land laufen und am Feiertag ein Chiang-Kai-Chek (oder Shen Shui Bian-) Portrait oben in ihren persönlichen Müllhaufen stecken und mit weisen alten Augen die Eingeborenen beobachten. Furchtbar. Als ob mich irgendwas davon interessiert...